Vintage Skill: Stricken

(Mai 2009)

Guck mal, sowas brauchen wir dann für das Baby-Shooting“ Die beste Freundin schob mir ihren Laptop unter auf dem ein süßes kleines Würmchen und einer puschelig weichen Mütze auf dunklen Teddyfell. Der Preis: 20 Euro. Für eine Babymütze, handgestrickt.

Ich war angefixt. „Sowas kann man doch auch selbst stricken.“ sagte ich, die Freundin zog ihre linke Augenbraue hoch „Stricken?! … also meine Oma hat mir das mal beigebracht, aber ich kann es nicht mehr. Kannst du stricken?“ Nein. Stricken war etwas gegen das ich mich erfolgreich gewehrt hatte. Mein Ruf eilte mir bei meiner Oma und meiner Mama voraus. Talentfrei sei ich wenn es um Handarbeiten gehe. lost case. Rettungslos verloren. Stricken würde mir keiner freiwillig beibringen wollen. Außerdem … ich war frisch schwanger, würde ich jetzt bei meiner Mama aufschlagen mit dem Wunsch stricken zu lernen, ihre erste Frage wäre wohl „Bist du schwanger?!“ gewesen. Denn, für wenn würde man wohl stricken wollen? Für Babys. Nein, stricken lernen würde ich mir wohl selbst beibringen müssen.

In den nächsten Tagen ging ich nach einer meiner Vorlesungen los und kaufte Wolle und Stricknadeln. Dabei achtete ich wenig auf Wollqualität, Garnstärke und sogar die Farbe war mir egal. Nadelstärke 3 hörte sich gut an, das Garn war ein reines Polyestergarn, es fühlte sich schön weich an, dass gefiel mir. Dann ging es weiter in den Buchladen, ich kaufte mir ein Buch, dass mir das 1 x 1 des Strickens beibringen sollte. Neben den Erklärungen wie man strickt, gab es noch Mustervorschläge und eine handvoll Anleitungen. Eine süße Babymütze war nicht dabei. Zu diesem Zeitpunkt war mir das aber noch egal. Erstmal Schritt eins: Stricken lernen.

Zurück bei meiner Freundin setzte ich mich abends neben sie auf die Couch. Wie wir  junge Mädchen bei ihren Traum begleiteten ein internationales, gut gebuchtes Model zu werden, saß ich da und versuchte Maschen anzuschlagen*. Und noch vor den Top 20 hatte ich es geschafft. Die erste Reihe zu stricken gestaltete sich etwas schwieriger. Irgendwie kam ich über 5 Maschen nicht hinaus. Wie sollte das denn gehen? Man kann die Nadeln ja kaum bewegen?
Ich begann nochmal von vorn. Und dann nochmal. Und dann nochmal…  dafür konnte ich jetzt den Beginn eines Strickstückes. Ich legte frustriert die Nadeln und die Wolle beiseite, wir sahen uns die Fotoübergabe und den Auszug der nicht-qualifizierten Modelküken zu ende an und gingen ins Bett. Vom Stricken war ich vorerst frustriert.

Am nächsten Tag packte mich dann die Wut über mein Unvermögen, ich wollte unbedingt so eine süße Babymütze stricken können. Jede Oma kann stricken, so schwer wird das doch wohl nicht sein. Leider waren die Bilder im Buch wenig hilfreich. Die Wolle war hellblau, das Maschenbild wenig strukturiert, der Arbeitsfaden unterschied sich null von der Maschen. Es war einfach nicht klar, wo der Faden lang lief. An diesem Punkt war ich kurz davor mein Nadelspiel in der nächsten Wand zu versenken und moderne Kunst zu kreieren als damit zu stricken. Ich nahm also meinen Laptop und gab „stricken lernen“ in die Suche bei youtube ein. Vielleicht hatte ja jemand schon mal ein Video darüber gedreht?!
Von hier an waren es nur noch wenige Minuten bis zu meiner ersten vollendeten Reihe. Innerhalb von wenigen Minuten hatte ich das stricken rechter Maschen und kurz darauf linker Maschen verstanden. Es entstanden lustige kleine Probestücke in rechten und linken Maschen, viele ribbelte ich sofort wieder um dann andere Muster zu probieren, einige kettete ich sogar ab, schmieß sie aber bei meinem Auszug bei der Freundin weg, denn bis dahin konnte ich stricken. Heute bereue ich es, keines dieser ersten Fitzelchen Wolle mehr zu besitzen, es wäre eine schöne Erinnerung gewesen. Aber wer hätte erahnen können, dass diese ersten Reihen der Beginn einer Leidenschaft werden würden, die mir nie jemand zugetraut hätte?

Das gekaufte Strickbuch schaute ich danach nicht wieder an. Es steht heute noch im Schrank, gelernt habe ich daraus nichts. Ich habe darin auch nie etwas nachgeschlagen oder von den Mustern etwas nach gestrickt. Zwischenzeitlich habe ich mich sogar richtig sehr geärgert es überhaupt gekauft zu haben. Denn stricken gelernt habe ich durch kostenlose Videoanleitungen im Internet.


*übrigens einer der wohl befremdlichesten Ausdrücke beim Stricken überhaupt. Ich schlage doch niemanden damit, noch weniger verübe ich einen Anschlag mit meinen Maschen…

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